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Im Interview mit Booker-Preisträger Roddy Doyle zu seinen Romanen "Lächeln" und "Love"

Anthony Wood
© Anthony Wood
Anthony Wood
© Anthony Wood

Mit Lächeln ist nach Love bereits der zweite Roman des irischen Autors Roddy Doyle bei GOYA erschienen. Im Interview verrät Roddy Doyle uns, wieviel die beiden Bücher mit ihm selbst zu tun haben, wie er beim Schreiben vorgeht und welche Reaktionen er von Opfern sexuellen Missbrauchs durch die katholische Kirche auf das Buch Lächeln erhalten hat:

Bei GOYA sind Deine Romane Love und Lächeln erschienen. Was verbindet die beiden Bücher? Gibt es auch grundlegende Unterschiede? In welchem Buch findest Du Dich stärker wieder?

Was die beiden Romane verbindet, bin offensichtlich ich als Autor. Oder, um etwas präziser zu sein, ich an diesem Punkt in meinem Leben: Ich bin jetzt vierundsechzig und war etwa Ende fünfzig bis Anfang sechzig, als ich die Bücher geschrieben habe. Es sind also beides Romane eines Autors, dem aufgefallen ist, wie sich die Sicht auf die Vergangenheit mit dem Alter verändert. Als jüngerer Mann hätte ich diese Bücher nicht schreiben können. Ich hätte nicht auf die gleiche Weise auf meine Schulzeit zurückgeblickt. Teil der Inspiration zu Love war der Tod eines guten Freundes, den ich seit der Schulzeit kannte. Außerdem denke ich, dass der Tod meiner Eltern, so traurig er auch war, die Tür zu einer neuen Kreativität oder Geschichte für mich geöffnet hat. Deswegen kommen in beiden Büchern verstorbene Eltern vor. Es sind beides sehr persönliche Bücher, obwohl keines davon autobiografisch ist. Manche Elemente der Romane habe ich so erfahren oder beobachtet, aber die Handlung – die Geschichten – spiegeln nicht mein Leben wider.

Beide Bücher sind humorvoll und temporeich erzählt. Ihnen liegen im Kern allerdings auch tragische Themen zugrunde. Gehören Humor und Tragik für Dich zusammen?

Ich denke, dass Humor und Tragik stets Hand in Hand gehen. Nur, dass sich oft – wie bei energiegeladenen Zwillingen – einer losreißt und voranläuft. Mir kam die Aufspaltung in Tragik oder Komödie im Theater schon immer sehr konstruiert vor.

Lächeln zeichnet sich durch eine sehr besondere Erzählweise aus. Wie würdest Du Deinen Schreibstil bezeichnen? Was hat Dich zu diesem Buch inspiriert?

Wenn ich anfange, zu schreiben, plane ich nie zu genau im Voraus. Mir ist es lieber, die Charaktere beim Schreiben kennenzulernen. Deswegen entsteht die Struktur erst, wenn ich tiefer in die Geschichte eintauche – und entscheide, was ich wann preisgeben will und was nicht. Lächeln ist durch meine Schulzeit inspiriert. Wie viele irische Jungs besuchte ich eine Christian-Brothers-Schule. Viele meiner Lehrer waren sehr brutal. Ich war selbst nie von sexuellem Missbrauch betroffen, aber es kam an der Schule vor. Das hat mich verfolgt, tut es immer noch. In den letzten dreißig Jahren haben sich viele Menschen öffentlich über die Wahrheit von sexuellem Missbrauch durch die Katholische Kirche ausgesprochen. Es gibt viele sehr gute Bücher, Dokumentationen im Fernsehen oder Radio und Filme dazu. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine kreative Geschichte dazu erzählen muss, etwas anderes. Es geht nicht ums Beichten. In vielerlei Hinsicht vermeidet Victor, zu beichten, was passiert ist, auch sich selbst gegenüber. Die Erzählweise fängt also seinen Geisteszustand ein, hoffe ich zumindest.

Die Katholische Kirche ist eine wichtige Institution in Irland. Bist Du bei dem Thema auf Widerstände in der öffentlichen Rezeption gestoßen?

Die ganz simple Antwort lautet: Nein. Die Katholische Kirche hat nicht mehr die Macht, die sie einmal hatte. Auch wenn es immer noch Christian-Brothers-Schulen gibt, glaube ich nicht, dass dort tatsächlich Christian Brothers arbeiten. Vor vielen Jahren, 1994, habe ich eine vierteilige Miniserie geschrieben, die auf BBC und RTÉ (dem irischen Rundfunksender) lief: Family. Es ging um Probleme des Familienlebens und unter anderem um häusliche Gewalt. In Irland waren die Reaktionen darauf sehr harsch. Ich habe Todesdrohungen bekommen, Priester haben mich von der Kanzel aus scharf verurteilt. Seitdem aber scheint sich sehr viel geändert zu haben – vor allem durch den Mut derer, die sexuellen Missbrauch erfahren haben und die ihre Geschichten öffentlich erzählt haben.

Immer wieder werden Missbrauchsskandale in der Katholischen Kirche bekannt. Welchen Beitrag können literarische Auseinandersetzungen mit diesem Thema für die öffentliche Debatte leisten?

Ich weiß nicht genau, wie ich die Frage beantworten soll. Vielleicht erzählen sie die Geschichten noch mal aus einem anderen Blickwinkel und erlauben dadurch den Leserinnen und Lesern, selbst zu beobachten, was passiert. Vielleicht hinterfragt man so auch seine eigene Schulzeit. Ich weiß auch, dass ein paar Männer, die auf Christian-Brothers-Schulen sexuell missbraucht wurden, nach Lesungen aus Lächeln auf mich zugekommen sind, mir ihre Geschichte erzählt haben und sich bedankt haben, dass ich dieses Buch geschrieben habe. Vielleicht hilft es also, dafür zu sorgen, dass es nicht in Vergessenheit gerät. Ich weiß es nicht.

Was würdest Du Victor sagen, wenn Du ihn im realen Leben treffen könntest?

Könnte ich Victor als kleinen Jungen treffen, würde ich ihm raten, seiner Mutter zu erzählen, was ihm passiert ist.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Hast Du ein deutsches Lieblingswort?

Mein deutsches Lieblingswort ist ›Hauptbahnhof‹. Ich habe nämlich 1977 in einer Lebensmittelfabrik in Grevenbroich gearbeitet, das liegt irgendwo zwischen Düsseldorf und Köln. Ein Freund und ich waren also an einem Abend nach der Arbeit noch in Düsseldorf. Vorher hatten wir einen deutschen Kollegen gebeten, uns beizubringen, wie man ›Wo ist der Hauptbahnhof?‹ sagt. Dann, nach ein paar Drinks, mussten wir irgendwie zurück zum Bahnhof. Mein Freund hat deswegen eine vorbeigehende Frau gefragt: »Wo ist der Hauptbahnhof?« Genau im selben Moment fiel uns aber beiden auf, dass die Frau ja auf deutsch antworten wird und dass wir sie unmöglich verstehen werden. Wir haben den Hauptbahnhof letztlich gefunden, aber noch Stunden später darüber gelacht.

[02.11.2022]