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Im Interview mit Lucia Jay von Seldeneck zu ihrem zweiten Roman "Komm tanzen!"

Carla Zoellner
Carla Zoellner

Lucia Jay von Seldenecks eindringlicher neuer Roman nimmt uns mit auf eine Wannseeparty, auf eine Bootsfahrt mit ungewissem Ausgang. Zeigt uns, wo wir stehen. Es ist eine Momentaufnahme unter Freunden, mit Trotz und Träumen, vor allem aber ist es eine Aufforderung. Eine Aufforderung zum Tanz. Wir haben uns mit der Autorin über ihren Zweitling unterhalten.

Komm tanzen! ist nach Weltfrieden dein zweiter Roman. Was hat dich dazu bewogen, diesen Roman zu schreiben?

Ich denke das war vor allem meine eigene Ratlosigkeit. Ich wollte herausfinden, wo wir gerade stehen und wie ein gemeinsamer Weg von hier aus aussehen kann. Ich habe das Gefühl, wir stehen uns gegenüber und wissen nicht weiter. Wir haben Angst, dass sich etwas ändert, und wissen dennoch, dass sich was ändern muss. Und wird. Was uns fehlt ist eine Vision, eine Vorstellung, wie das aussehen kann.

"Wir verschmelzen in Musik und Tanz, neue Formen entstehen, und auch eine Wucht entwickelt sich, eine gemeinsame Wucht, die wieder andere mitreißen kann." Welche Bedeutung hat für dich das Tanzen, das auch den Rahmen des Romans bildet?

Tanzen verbindet uns und darum geht es ja. Ich glaube, es kann nur einen gemeinsamen Weg geben, also sollten wir uns nicht damit aufhalten, unterschiedliche Positionen gegeneinander auszuspielen, Verhaltensweisen zu verurteilen – sondern vielmehr überlegen, wie wir die kollektive Verantwortung annehmen und stemmen können. Das Tanzen versinnbildlicht vielleicht die Frage: Wie geht das neue Wir?

"Es gibt viele Stellen entlang der Havel, wo die Wassernixe gesehen wurde. Oft ist sie den Fischern um Mitternacht rum erschienen, kurz bevor sie wieder ein Menschenleben eingefordert hat", heißt es in deinem Roman. Was fasziniert dich an den Legenden und Mythen, die sich bis heute rund um die Havel ranken?

Zum einen ist es natürlich spannend auszuloten, wo wir auch heute noch trotz unseres enormen Wissens an Grenzen des Erklärbaren stoßen – aber vor allem geht es auch um die Frage, was wir mit unserem Ressourcenverbrauch für Risiken eingehen. Und es ist außerdem spannend, die Ungetüme und Naturwesen aus den alten Sagen und Mythen als das zu betrachten, was sie eigentlich sind: die Guten. Denn sie verteidigen die Natur.

In Komm tanzen! treffen alte Freunde auf einer Feier am Wannsee zusammen. Wie lässt sich diese Freundesgruppe um die Protagonistin Lotte beschreiben? Was für Personen lernen wir kennen?

Die alten Freunde, die sich in der Nacht am Wannsee wiedertreffen, sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Sie kennen sich aus ihrer gemeinsamen WG-Zeit und teilweise auch schon aus der Kindheit. Sie sind sich vertraut, kennen die Sorgen und Nöte der anderen, und sie haben ihre gemeinsame Geschichte. Aber auch wenn wir es gelernt haben, dass dieses Thema auf einer Party nichts zu suchen hat: Immer wieder ploppt sie dennoch auf, die Gewissheit um die Veränderung, die bevorsteht. Und da reiben sich die alten Freunde dann auch: Die beste Freundin wird zur verbissenen Aktivistin, der charmante Schwager, der niemandem einen Wunsch abschlagen kann, entpuppt sich als Leugner vom Klimawandel.

"Manchmal denke ich, dass er nicht von dieser Welt ist, sondern eher so was wie ein Märchenwesen." Der Junge Jona, von dem hier die Rede ist, leidet an Angstzuständen und spielt im Roman eine immer wichtiger werdende Rolle. Wie würdest du Jonas Charakter beschreiben?

Das ist die bittere Erkenntnis. Wenn man sich mit unserer Situation auseinandersetzt, dann kommt man unweigerlich irgendwann an den Punkt, an dem man erkennen muss: Es geht gar nicht um uns. Schon längst nicht mehr. Jona ist 11 Jahre alt, er ist sehr sensibel. Er spürt, dass die Erwachsenen um ihn herum sich etwas vormachen. Und das prangert er an. Doch er wird nicht gehört. Die Ärzte sagen, seine Angst zu verdursten ist psychosomatisch.

Kriege, Unruhen, Klimawandel, Pandemie: Magst du uns ein Stück weit mit in deine Gefühlswelt nehmen und beschreiben, welche Ängste du in diesen Krisenzeiten um dich herum wahrnimmst?

Wir sind überfordert. Der Alltag fordert all unsere Kraft und unseren Einsatz und wir wissen nicht, wie lange es so noch gut gehen kann. Dieser Zustand erzeugt eine Lähmung. Wir kommen nicht weiter. Wie Tiere in der Schockstarre nehmen wir die Nachrichten von der Erderwärmung und ihren Folgen auf.

Komm tanzen! ist ein fein mystisch angehauchtes Porträt der Gegenwart, bei dem zum einen Übermut und zum anderen die Notwendigkeit zu handeln eine zentrale Rolle spielen. Inwieweit würdest du sagen, sind diese beiden Themen in unserer heutigen Gesellschaft präsent?

Ja natürlich, wir sind große Meister darin, uns abzulenken. Aber vielleicht ist der Übermut auch Ausdruck von Hoffnung. Es steckt ja nicht umsonst auch das Wort Mut darin. Und durch die Hoffnung entsteht auch wieder eine Demut, die eine Gemeinschaft möglich macht. Vielleicht so: Wenn wir uns bewusst machen, dass ein Kollaps möglich ist, stehen wir zwar zum einen vor einem Abgrund und werden uns unserer Verletzbarkeit bewusst – aber zum anderen lernt man auch zu begreifen, was wichtig ist und was nicht. Und Hoffnung ist natürlich auch untrennbar mit einem Vertrauen in die Zukunft verbunden.

Hast du einen Zukunftswunsch, der dir besonders am Herzen liegt?

Vielleicht ist es genau das, was ich mir wünsche – dass wir aufgerüttelt werden, dass wir unsere Passivität überwinden, Hoffnung schöpfen und Vertrauen fassen, Kraft für Veränderung finden und so eine neue gemeinsame Geschichte beginnen kann. Aber noch überwiegt die Ratlosigkeit. Denn ich weiß auch nicht, wie das gehen soll. Darüber sprechen ist bestimmt ein Anfang.